Wissen. Macht nix.

Marco Schoppmann, Geschäftsführer bei csi entwicklungstechnik, hält als Dozent an der Hochschule München im Auftrag von Prof. Dr. Elias im Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen die Vorlesung „Ganzheitliche Produktentwicklung“. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, warum ausgerechnet das „die geilste Vorlesung der ganzen Studienzeit“ sein soll. Und warum Wissen seiner Meinung nach nur die halbe Miete ist, um erfolgreich ins Berufsleben zu starten.

 

Einer deiner letzten Studenten hat im Feedback geschrieben, er habe in deiner Vorlesung „Dinge mitgenommen, von denen er weiß, dass sie ihm weiterhelfen“ und dass er „was fürs Leben gelernt“ hat. Mehr kann man nicht erreichen, oder?

Ja, die Rückmeldung hat mich wirklich sehr gefreut. Denn genau das ist mein Ziel. Ich möchte – sowohl als Dozent, wie auch als Geschäftsführer bei csi – junge Menschen bei ihrem Einstieg ins Berufsleben und damit auf dem Weg in ihre Zukunft unterstützen. Nicht, indem ich ihnen vorbete, was ich als alter Hase vermeintlich besser weiß, sondern indem ich sie ihre eigenen Erfahrungen machen lasse und auf konkrete, ganz praktische Fragen eingehe. Denn alles Wissen hilft nichts, wenn ich es nicht anwenden kann. Also geht es in meiner Vorlesung darum, meinen Studenten* einen Überblick über die verschiedenen „Entwicklungsprozesse“ zu geben. Wir fangen beispielsweise damit an, in der ersten Vorlesung die drei Begriffe „Vision, Mission und Strategie“ mittels praktischer Beispiele griffig zu bekommen. Das Ergebnis, das wir bei diesem ersten Termin erarbeiten, ist dann bereits die Basis für den kommenden Erfolg der Vorlesung – die Studenten entwickeln ihre eigene Mission und Strategie zu der Vision „Dies wird die geilste Vorlesung meiner Studienzeit“. Dadurch, dass ich von Anfang an die Studenten direkt anspreche, direkt zum Mitgestalten einlade, wird die Vorlesung interaktiv.

Dies hat den Vorteil, dass die Fragen, die die Studenten tatsächlich gerade interessieren, auf den Tisch kommen und von allen Teilnehmern, einschließlich mir, gleichberechtigt beantwortet werden. Ich sehe mich eben nicht, wie oben schon gesagt, als derjenige, der die Vorlesung hält und daher alles besser weiß, sondern eher als Motivator, gemeinsam zu überlegen, was das tatsächlich bedeutet, was im Kern einer Fragestellung steckt. Und so steckt hinter dem tollen Feedback wohl die Kombination aus tollen Studenten, interessanten Themen und einem funktionierenden Lehrkonzept.

 

Wie schaffst du es, Inhalte zu vermitteln, die für Studierende relevant sind und sie begeistern?

Das mystische Geheimnis hinter der Vorlesung lautet „Beteiligung“. Das ist genau wie bei mir bei meiner Arbeit bei csi: Wenn ich es schaffe, meinen Kollegen und Mitarbeitern, hier meinen Studenten, Raum zu geben, um sich selbst und ihre Ideen einzubringen, dann funktioniert es. Dann kommen die relevanten Themen von selbst auf die Agenda und die Motivation, sich aktiv zu beteiligen, ist groß.

Darum ist die Vorlesung so aufgebaut, dass es innerhalb einer festen Struktur genug Raum für die „Freiheit der Lehre“ gibt. So können in jedem Semester die aus meiner Sicht wichtigsten Themen- und Prozessgebiete einer Unternehmung durchgesprochen werden und gleichzeitig bekommen die Studenten die Möglichkeit, eigene Schwerpunkte und gezielt für sie relevante Fragen zu setzen. Dabei behandeln wir ein breites Themenspektrum – von Organisationsformen, über Entwicklungsprozesse bis hin zu Themen wie dem individuellen Umgang mit Stress, kognitiven Verzerrungen oder „Wie nutze ich Verhandlungstechniken für mein erstes Gehaltsgespräch?“. Die Studenten bereiten diese Schlagworte mit eigenen Inhalten vor, die dann in der Gruppe offen diskutiert und eventuell durch Erfahrungen bzw. anderen Input der anderen Teilnehmer ergänzt werden. Das Besprochene wird dann zum Abschluss in Form von sogenannten „Spielen“ erlebbar gemacht.

 

Was war denn deine „geilste Vorlesung“ während deines Studiums?

Da fallen mir gerade zwei ein: In meinem ersten Studium war es das Fach Robotik. Wir hatten die Aufgabe und Möglichkeit, im Robotiklabor tatsächlich in Gruppen „gegeneinander“ kleine Projekte zu fahren. Sehr selbstständig, so dass ich mich an tolle Nachmittage erinnere, an denen wir gemeinsam unsere „Fertigungsstraße“ aufgebaut und immer auch im Innenhof etwas Kühles getrunken haben. Die zweite Vorlesung war während meines Masters im Systems Engineering. Hier hatten wir einen Professor mit Biologiehintergrund. Mit ihm über Systeme, Systemgrenzen und Systemregelungen zu sprechen und Beispiele auch jenseits der Technik zu diskutieren – das hat mir sehr gefallen!

 

Du bist ja nicht nur Dozent, sondern kennst auch die Unternehmensseite. Womit tun sich deiner Meinung nach Jobeinsteiger besonders schwer? Und wie unterstützt ihr „Neulinge“ im Unternehmen?

Der Wechsel vom Studium in die Arbeitswelt ist vor allem eines: superspannend und aufregend! Von der Entscheidung, was ich überhaupt machen möchte, über die Suche nach dem passenden Job und den Vorstellungsgesprächen samt der ersten Gehaltsverhandlung bis zum Start in eine unbekannte Welt mit neuen Teilnehmern, Prozessen und Strukturen – da prasseln jede Menge neue Eindrücke und Emotionen auf einen ein, auf die man sich nicht wirklich rein theoretisch vorbereiten kann. Man muss da durch.

Ich beobachte, dass es für viele meiner jungen Mitarbeiter schwierig ist, die Balance zu finden: Zwischen Arbeit und Freizeit, Kunde und Arbeitgeber, Kollege und Chef, Arbeitsqualität und -menge, Geduld und Elan. Sie müssen – so glaube ich – erst lernen bzw. sich bewusst machen, dass es a) immer mehr Arbeit gibt, also man erledigen kann, b) Arbeit immer dort hinfließt, wo sie anständig erledigt wird, und c) eine gute Idee alleine nicht ausreicht, um Erfolg zu haben. Es gehören immer auch Mitstreiter und der richtige Zeitpunkt dazu.

Wir arbeiten bei uns im Unternehmen mit einem Mentoring-Programm. Jeder neue Mitarbeiter bekommt ab der ersten Woche einen Mentor zur Seite. Das ist jemand, der bereits Erfahrung und Übersicht hat und dadurch Sicherheit vermitteln kann. Gleichzeitig schulen wir die Mitarbeiter, um einen theoretischen Grundstock aufzubauen, und schupsen sie – begleitet von ihrem Mentor – praktisch ab Woche 1 ins kalte Wasser, also lassen sie auf Kunden los bzw. übertragen ihnen Verantwortung. Das hat sich bewährt.

 

Wenn man die Wahl hat, gehen viele zu den großen Markenunternehmen. Warum lohnt es sich, auch zu kleineren Firmen bzw. Zulieferern zu gehen?

Kleinere Firmen haben für mich persönlich einen entscheidenden Vorteil: Als Angestellter hat man viel leichter die Möglichkeit, verschiedene Themengebiete kennen zu lernen. Wir sind viel flexibler und können jenseits von festgetackerten Organisationsstrukturen Dinge ausprobieren. Bei mir bzw. uns führen beispielsweise Mitarbeiter mit wenigen Jahren Berufserfahrung bereits Einstellungsgespräche. Sie wissen selbst noch genau, wie der Einstieg bei csi war und können das glaubwürdig rüberbringen. Das ist in großen Konzernen nicht möglich – da gibt es dann Personalabteilungen dafür, die oft genug die Abteilungen gar nicht wirklich kennen.

 

Was gibst du deinen Studenten mit auf den Weg, wenn du deine Vorlesung beendest?

Ich wünsche ihnen natürlich viel Erfolg bei den anstehenden Prüfungen und beim Einstieg ins Berufsleben. Außerdem hoffe ich, dass sie die drei Fragen aus dem sogenannten csi-Dreiklang im Gepäck haben. Den habe ich vor einigen Jahren bei uns im Unternehmen eingeführt. Die Idee dahinter ist einfach: Egal was du machst – stelle dir drei Fragen: Was ist das Ziel? Mit wem wirst du interagieren? Wie willst du vorgehen? Die Impulse, die sich aus den Antworten ergeben, nutze auch ich persönlich – an der Hochschule, bei der Vorbereitung von Workshops oder bei Mitarbeitergesprächen. Sie bringen mich und vielleicht in Zukunft auch meine Studenten in jeder Situation weiter.

Last but not least ermutige ich sie, mutig zu sein, die Augen offenzuhalten und auch mal nach rechts und links zu schauen. Denn solange man noch keine großen Verpflichtungen hat, kann man ruhig mal was riskieren. Spannende Chancen ergeben sich oftmals auch jenseits des „bekannten Entwicklungsweges des Wirtschaftsingenieurs“. Ich hatte bis vor kurzem einen Mitarbeiter, der sich als Maschinenbauingenieur bei uns um eine Abschlussprüfung beworben hat. Statt eines normalen Ingenieurthemas sind wir gemeinsam einen anderen Pfad gegangen – er hat ein Brettspiel zum Thema Projektmanagement entwickelt. Heute liegt das Spiel hier vor mir und wir hatten gemeinsam in unserem Team, aber auch an anderen Standorten damit schon super Spieleabende. Da ist es gelungen, was ich eben auch mit bzw. in der Vorlesung erreichen möchte: Information mit Hintergrund und Emotion zu verknüpfen und so Erlebnisse zu schaffen, die – hoffentlich positiv – hängen bleiben.

 

Damit schließt sich der Kreis zu der ersten Frage. Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast.

 

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwenden wir verallgemeinernd das generische Maskulinum in unseren Texten. Diese Formulierungen schließen jedoch selbstverständlich Angehörige jeden Geschlechts ein, denn wir möchten alle Personen gleichberechtigt ansprechen.

 

Marco Schoppmann